BELIEBT, BEWÄHRT UND ZUKUNFTSTRÄCHTIG
Wasserkraft im Alb-Donau-Kreis
von Julian Aicher
Pressesprecher im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke
Baden-Württemberg e.V.
"Es klappert die Mühle am rauschenden Bach ..."
Schon länger als seit Christi Geburt nutzt der Mensch den treibenden
Schwung des fließenden Nass.
Auch im Alb-Donau-Kreis galt Wasserkraft bisher als diejenige erneuerbare
Energiequelle, aus der am meisten Strom mit regenerativen Kräften gewonnen
wurde.
Weniger bekannt: Selbst im Alb-Donau-Kreis könnte Wasserkraft viel mehr:
Allein im Raum Ulm Elektrizität für den privaten Verbrauch von über 20.000
Personen liefern. Wenn sie nur dürfte.
Annette Schavan muss es wissen. Als einen der Lieblingsorte in ihrem
Wahlkreis bezeichnete die Bundesbildungsministerin Obermarchtal.
Verständlich. Schon bei der Anfahrt aus Richtung Ulm/Ehingen ragen barocke
Türme gen Himmel. Und wer an einem sonnigen Spätnachmittag das Münster
direkt betritt, versteht, warum die Bauleute viele Wände des Barockjuwels
einfach weiß ließen: dass das Sonnenlicht Farbe darauf bringe. Eine frühe
Form der Solararchitektur also.
Energie vom Himmel - Tropfen für Tropfen.
Wasserkraft gilt als Tochter der Sonnenenergie. Denn erst, wenn die Sonne
beim Verdunsten Wasser in Wolken 'gezogen' hat, kann es von dort wieder
abregnen. Immer und immer wieder. Also regenerativ.
Stürzen 100 Liter Wasser in 1 Sekunde 1 Meter tief, setzen sie dabei 1
Kilowatt Energie frei. Rund 90% davon verwandeln moderne Wasserkraftwerke
in Strom.
(Zum Vergleich: Der entsprechende "Wirkungsgrad" eines Kohlekraftwerks
liegt nicht bei 90%, sondern bei 40%.)
Energie vom Himmel. Mönche und Nonnen kannten dieses Geschenk von oben
schon früh. Kaum eine Abtei zwischen Alb und Bodensee, in der die
treibende Kraft des tosenden Nass nicht genutzt worden wäre. Auch bei
Obermarchtal. Direkt unterhalb der Münsterpforte ließen die
Prämonstratenser eine Mühle an der Donau für sich arbeiten. Jahrhunderte
lang. Die Mühle brannte 1899) ab. Das Stauwehr quert noch heute den
europäischen Fluss. Sein Wasser rauscht nach wie vor darüber - ein
regeneratives Rauschen. Denn vom alten Wehr gewässer-abwärts legten
italienische Fachkräfte bis 1903 einen Kanal zum damals neuen
Wassertriebwerk an. Also zum Kraftwerk Obermarchtal-Alfredstal. Knapp 1 km
fluss-unterhalb des Donauwehrs. Drei Wasserturbinen liefern in Alfredstal
noch heute rund 2,5 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr. Und damit
mehr, als die Bevölkerung Obermarchtals privat verbraucht.
Ein äußerst wirtschaftliches Energiesystem. Ein klima- und
umweltfreundliches dazu. Die Donau strömt sowieso durch's Tal - energisch.
Also gibt's den 'Kraftstoff' frei Haus. Entsteht im Wasserkraftwerk
Obermarchtal-Alfredstal eine Kilowattstunde Strom, belastet dies die Luft
weder mit dem Klimagas Kohlendioxid (C0 2), noch mit Schwefel, Stickstoff
oder Stäuben. Stammte die gleiche Strommenge aus einem Kohlekraftwerk,
würden die 2,5 Millionen Kilowattstunden von Alfredstal 2.500 Tonnen
Kohlendioxid-Belastung bedeuten.
Zwar gelten die Stauwehre von Wassertriebwerken als "Wanderungshindernis"
für allerhand Wassertiere. Aber am Wehr Obermarchtal lässt eine "raue
Rampe" so viel kostbares Nass um's Wehr derart runterrauschen, dass Fische
dort ihren Weg auf und ab finden. Das Land Baden-Württembrg beauftragte
den Bau dieser 'Fischpassierbarkeit' . Kraftwerksbetreiber Elmar Reitter
gibt dafür pro Sekunde mindestens 500 Liter Wasser ab. Energisch
treibendes Nass, das ihm wiederum in seinen Turbinen fehlt - mit ein paar
Tausend Euro Verlust pro Jahr als wirtschaftlicher Folge. Trotzdem:
Derartige Naturfreundlichkeit fand (2006) selbst das Lob der "Deutschen
Umwelthilfe".
Übrigens: Auch Angler zeigen sich mit dem Wasserkraftwerk zufrieden - und
servieren bei (Volks-)Festen am Kraftwerk gerne frisch gegrillte Fische.
Kopfhohe Generatoren-Räder, grummelnde Turbinen unterm Kraftwerksboden -
das alles und noch viel mehr lässt sich in Obermarchtal-Alfredstal
erleben. Sommers gibt's sogar Kanufahrten dort hin. Interessierten erklärt
eine Ausstellung mit anschaulichen Bildern und kurzen, klaren Texten, wie
sich das verhält mit der Wasserkraft. Ihr Titel: "Maschinen unterm
Münster" (MuM).
Wasserkraft - warum gilt sie als Mutter der Stromversorgung, als
Triebfeder der Industrialisierung im Land? Wie viel mehr Strom aus
Wasserkraft kann in Süddeutschland gewonnen werden? Das alles beantwortet
MuM. Selbst Kinder zeigen sich interessiert beim Betrachten der
Ausstellungsfahnen.
Allerdings:
Anmelden muss man sich schon - denn Ausstellungsbetreuer Wolfgang Bechny
ist nicht rund um die Uhr da (wohnt aber ganz in der Nähe).
Mehr dazu unter www.mum-wasserkraft.de
Wasserkraft trägt in einigen Orten des Alb-Donau-Kreises
überdurchschnittlich viel zur Stromversorgung bei.
Zwar nicht überall 100% - wie in Rechtenstein oder Obermarchtal - aber mit
einem Zehntel doch mancherorts rund doppelt so viel wie im bundesdeutschen
Durchschnitt 2007.
So stammen 10% der Elektrizität, die die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm (SWU) an
ihre Kundschaft liefern, aus Wasserkraft (bundesweit 2007: rund 5%).
Wasserkraft spiele in der Stromversorgung der Münsterstadt schon vor 1900
eine wichtige Rolle.
Ermutigend: Die SWU würden gerne viel mehr Elektrizität aus der
Wasserkraft von Donau, Blau und Iller gewinnen. An der Blau re-aktivierten
die Stadtwerke deshalb die alte Gewerbe-Turbine der Firma Glaeser aus den
1930er Jahren. Aber zwei neue Kraftwerke an Donau und Iller dürfen die SWU
bis heute nicht bauen. Dabei beantragten sie Genehmigungen dafür schon vor
1990. Landesbehörden Bayerns und Baden-Württembergs blockieren hier also
seit über 10 Jahren.
Damit liegen die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm in Baden-Württemberg aber nicht
alleine. Mancher Antragsteller wartet schon mehr als 20 Jahre auf seine
Genehmigung. Hermann Scheer, Präsident von "Eurosolar" und Träger des
"Alternativen Nobelpreises", bezeichnet solche Blockade-Politik als "mehr
den kafkaesk".
Dabei rieten Wissenschaftler der Universität Stuttgart schon 1987 in einem
Gutachten dem damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth zur "volle(n)
Ausschöpfung der 3.134 Wasserrechte". Das heißt: das Recht zur Nutzung
der Wasserkräfte an einem bestimmten Gewässer. Dem zu Folge also 3.143
Wassertriebwerke im Südwesten. Bis heute sind es etwa 1.600. Um 1900
sollen es aber über 4.000 gewesen sein - meist amtlich genau beurkundet.
Kein Wunder also, dass die Stuttgarter Wissenschaftler um Professor Voß
der Landesregierung 1987 zusätzlich "ein Neuzugang von 940 Wasserrechten"
empfahlen.
Eine wissenschaftliche Studie - gut 20 Jahre alt. Aber leider nicht
umgesetzt.
Das muss nicht so sein. Im Versorgungsgebiet der Kemptener "Allgäuer
Überlandwerke" (AÜW) verdoppelte sich die Zahl netz-einspeisender
Wassertriebwerke von 1991-199 von 20 auf 40. Statt gut 14 Millionen
Kilowattstunden Strom pro Jahr (1990) lieferten die Anlagen 1998 gut 32
Millionen Kilowattstunden. Also mehr als doppelt so viel.
Gegner von Wasserkraftanlagen behaupten, die Triebwerke würden Fischen
schaden. Vor allem die Stauwehre würden sich als "Wanderungshindernis"
erweisen. Ein Problem, das lösbar ist - wie das Donaukraftwerk
Obermarchtal-Alfredstal beweist. Dort schwimmen Wassertiere außen rum.
Vor allem: Stauwehre entstehen nicht ausschließlich zur Energiegewinnung.
Sie helfen, den Flussgrund (die "Sohle") zu erhalten - sie am Eingraben
durch hohe Fließgeschwindigkeit zu hindern. Wehre entstehen zum
Grundwasser- und Hochwasserschutz. Oder auch zur Wiesenwässerung. Im Stau
dieser Wehre sammelt sich Wasser, das im Barndfall der Feuerwehr hilft.
6000 solcher "Querbauwerke" hat die "Energie Baden-Württemberg" (EnBW) in
Gewässern des Landes gezählt - nur rund 1.600 davon dienen der
Wasserkraft-Nutzung.
Umgekehrt entsteht Ökologie:
Könnten besagte 6.000 "Querbauwerke" alle mit Wasserkraftwerken bestückt
werden, wäre aus deren Stromverkauf etwas Geld da, um die Umgehungsbäche
für die Fisch-"Wanderung" um die Stauwehre herum anzulegen. Wasserkraft
und Ökologie - zwei Seiten einer Medaille, einer schön sauber glänzenden.
Dennoch:
Auch im Alb-Donau-Kreis herrscht nicht nur Blockade gegen Wasserkraft.
So tauschte Kraftwerksbetreiber Elmar Reitter in Obermarchtal zwei der
drei alten Generatoren gegen neue aus. Das Ergebnis: mehr als 10% mehr
Strom.
Trotz beeindruckendem "technischen Denkmalschutz" mit kopfhohen
Generatoren-Rädern.
Und an der Blau in Ulm Söflingen (nahe Meinlohschule) bauten Elektriker
Wolfgang Fischer und Sohn 2006 am alten Triebwerksstandort ein neues
Wasserrad ein - es bringt das Rad eines Generators in Drehung.
Leistung der Anlage: rund 8 kW.
In seinem Buch "Von der Kraft des Wassers" schreibt Georg Küffner
(Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ):
"Ohne Wasserkraft wäre die Weltwirtschaft längst nicht mehr
funktionstüchtig. Denn hinter den fossilen Energieträgern Kohle, Öl und
Gas rangiert die Wasserkraft heute mit 19 Prozent weltweit an vierter
Stelle in der Erzeugung von elektrischem Strom. Dieser Anteil könnte
jedoch deutlich höher liegen, denn das 'theoretisch' machbare Potenzial
der Wasserkraft liegt weit über der gegenwärtigen Leistung: es wird
fünfmal höher geschätzt. Damit könnte der gesamte Strombedarf der Welt
allein mit Wasserkraft erzeugt werden."
Den gesamten Strom aus Wasserkraftwerken decken - das will wohl kaum
jemand. Aber vielleicht in Deutschland doch mehr als doppelt so viel wie
heute. Das wäre nicht nur technisch, sondern auch stark ökologisch möglich
- siehe Obermarchtal-Alfredstal. Siehe "Allgäuer Überlandwerke Kempten"
(AÜW).
Heute liefert Wasserkraft pro Jahr rund 20 bis 25 Milliarden
Kilowattstunden Strom im Jahr auf deutschem Boden.
Die "Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke Baden-Württemberg eV" (AWK -
über 700 Mitglieder) glaubt, dass mindestens nochmal zusätzlich 17
Milliarden Kilowattstunden Jahresertrag in Deutschland möglich wären.
Durch Sanierung, Optimierung und Neubau. Schließlich arbeiteten um 1900
rund 80.000 Wassertriebwerke zwischen Waterkant und Watzmann. Heute sind
es gerade noch 8.000. Also ein Zehntel. 17 Milliarden Kilowattstunden mehr
pro Jahr - das würde ausreichen für den privaten Strombedarf der
Bevölkerung von Baden-Württemberg (10 Millionen Einwohnerinnen und
Einwohner). Immerhin.
Wie meinte doch Klima- und Umweltexperte Ernst Ulrich von Weizsäcker: "Da
gibt es wieder viel zu tun."
Julian Aicher
Pressesprecher im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke
Baden-Württemberg eV
eMail: julian.aicher@t-online.de
www.regenerativ-region-illerwinkel.de